
Hallo zu einer neuen Ausgabe!
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieg wurde Großbritannien spätestens durch die Unabhängigkeit Indiens klar, dass die Zeiten des Empire vorbei waren. Doch welche Rolle sollte Großbritannien künftig einnehmen?
Im Londoner Außenministerium kursierte damals ein Aufsehen erregendes Memo mit der Antwort: Das Ziel Großbritanniens müsse es sein, niemals in die Situation zu kommen, zwischen den USA und Kontinentaleuropa wählen zu müssen.
Diese Haltung wurde zur Doktrin, die bis zum Brexit Grundlage der britischen Außenpolitik blieb.
Nach dem Ende des “Westens” wie wir ihn kannten, hält diese Doktrin Lehren für Europa bereit. Denn wie wäre es, eine geopolitische Doktrin Europas im Jahr 2025 so zu formulieren? “Das Ziel der Europäischen Union muss es sein, niemals in die Situation zu kommen, zwischen den USA und China wählen zu müssen.”
Geopolitisch wäre diese klare Haltung schon länger angezeigt gewesen, aber mit Blick auf die “gemeinsamen Werte” war es vor Trump II noch zu früh, eine europäische Äquidistanz zwischen der amerikanischen Demokratie und dem autoritären Regime Chinas zu fordern. Nun kann diese Argumentation nicht mehr ohne Weiteres mit moralischen Einwänden entkräftet werden, so ernüchternd das ist.
Was würde eine solche Doktrin für Europa bedeuten? Natürlich eine stärkere Autonomie in Technologie und Handel gegenüber beiden Ländern, im Sinne von “die Balance halten und allzu große Abhängigkeiten vermeiden”. Es würde aber auch eine direkte Verantwortung dafür beinhalten, den Konflikt zwischen den USA und China zu entschärfen und sich als Vermittler zu betätigen. Denn in einem Krieg zwischen den beiden Ländern würde es Europa schwerfallen, nicht hineingezogen zu werden.
Gelesen, gehört, gesehen, gedacht
Dieses Porträt von Tyler Cowen im Economist 1843 Magazine ($) war mein größter journalistischer Lesegenuss in den vergangenen Tagen. Aus dem Wunsch, einfach alles zu wissen, im 21. Jahrhundert noch einen Beruf machen zu können, ist durchaus beneidenswert (okay, dass Cowen ein Blitzleser ist, hilft bei seiner Arbeit).
Von allen aktuellen Merz-Exegesen habe ich die in der ZEIT (€) mit größtem Gewinn gelesen. “Power does not always corrupt, but power always reveals”, wie Robert Caro, der Biograph von Lyndon B. Johnson, einmal so treffend formuliert hat (siehe auch Ausgabe #40 dieses Newsletters).
Zwei sehr gute Politikpodcast-Folgen im Deutschlandfunk (Disclaimer: da arbeite ich): Zum EU-Sondergipfel nach dem Eklat im Weißen Haus und über die Diskussion um die neuen deutschen Sonder-Milliardenschulden.
Jan-Werner Müller in der London Review of Books über die Geschichte der italienischen Ultra-Rechten von Mussolini bis Meloni. (€)
Analyse und Kritik aus dem Februar zum Hintergrund der Demonstrationen in Serbien.
Schöner FAZ-Longread (€) über den Anteil der Volkswagen- und Porsche-Dynastie am Niedergang des VW-Konzerns.
Über die Idee des “Sellout”
Obiger Song, den ich neulich zufällig bei Travis Holcombe auf KCRW (“Freaks Only” = beste Musikshow!) hören konnte, bringt mich dazu, meine Notizen zum Thema “Sellout” herauszukramen und zu veröffentlichen.
Als Kind der Neunziger bin ich stark von der so genannten "Independent Ethik" beeinflusst - bis heute. Im Kern ging es um den alten Konflikt, ob Menschen ihren Werten treu bleiben oder willenlos Kompromisse machen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sozialisiert wurde ich zu dieser Frage mit den Diskussionen, die damals in der Musikszene stattfanden. Die Ethik aber galt für Künstlerinnen und Künstler genauso wie für viele jungen Erwachsenen. Sie drehte sich letztlich um die Frage: Machst Du mit oder versuchst Du, eine Alternative zu finden?
Mit den Lebensjahren änderten sich die Felder, in denen diese Ethik bei mir und anderen zur Anwendung kamen: BWL-Studenten zum Beispiel galten in der Regel als Sellouts erster Güte, Geistes- und Sozialwissenschaftler nicht. Der Vorwurf war dabei gar nicht so oft, dass sie für Banken oder Konzerne arbeiteten und willentlich den Siegeszug des Kapitalismus befeuerten - das alles machten viele Geistes- und Sozialwissenschaftler auch. Vielmehr ging es darum, ob jemand es ohne Skrupel tat - oder zumindest das richtige Leben im Falschen lebte (was ja bekanntlich unmöglich ist, wie wir von Adorno wissen). Die Ethik trug also ein durchaus beachtliches Maß an Heuchelei in sich.
Das Konzept "Sellout" spielt heute keine Rolle mehr: Spätestens die Finanzkrise 2008 sorgte im Westen dafür, dass "Selling Out" in der heranwachsenden Generation einfach nur als Möglichkeit des Überlebens betrachtet wurde. Und schon vor zehn Jahren diagnostizierte Danah Boyd (übersetzt):
"Diese Jugendlichen werden ihre Freunde nicht dafür kritisieren, dass sie sich verkaufen, denn sie sind bereits von den Erwachsenen in ihrer Welt verkauft worden. Diese Jugendlichen wollen Freiheit, und es ist unsere Schuld, dass sie sie nicht haben, außer in kommerziellen Räumen. Diese Jugendlichen wollen Chancen, und wir tun alles, was möglich ist, um ihnen den Zugang zu diesen Chancen zu verwehren. (...) Warum sollten diese Jugendlichen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums beklagen, wenn dies die einzigen Räume sind, in denen sie das Gefühl haben, authentisch sein zu können?"
Zehn Jahre später ist “Not Selling Out” keine Option mehr in einer Welt, ja sogar naiv in einer Welt, in der Karrieren unmittelbar mit dem LinkedIn-Game und Kreativität nur sichtbar wird, wenn sie die Content-Mühle nach oben befördert. Vox schrieb im vergangenen Jahr dazu:
“Man muss der höllischen, überfüllten, von Belästigung geprägten und extrem wettbewerbsorientierten Aufmerksamkeitsökonomie seine Inhalte anbieten, weil sonst niemand weiß, wer man ist. In einem Interview mit dem Guardian sagte die Autorin Naomi Klein kürzlich, die größte Veränderung in der Welt seit dem Erscheinen ihres Buches No Logo (1999) über Konsum und unausweichliches Branding sei, dass “der Neoliberalismus so viel Prekarität geschaffen hat, dass die Kommerzialisierung des Selbst nun als einziger Weg zu irgendeiner Art von wirtschaftlicher Sicherheit angesehen wird. Außerdem haben uns die sozialen Medien die Mittel an die Hand gegeben, um uns nonstop zu vermarkten.”
Wir sind nicht nur Sellouts, wir sind genau genommen alle Marketer geworden. Und mehr noch: Dein “Marketing-Game” ist nicht das Instrument, um das zu promoten, was du geschafft oder geschaffen hast - es wird in immer mehr Bereichen zu dem, was du bist, das einzige Game, das noch relevant ist. Als Kind der Neunziger bin ich weiterhin verblüfft, wie schnell das alles ging.
Bis zum nächsten Mal!
Johannes